Sammler versus Minimalisten
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- Sammelvirus Offline
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Sammler versus Minimalisten
Oh, ganz wunder Punkt. Meine Frau hat versucht sich über die Jahre mir anzupassen. Die Wohnung ist übervoll mit Antiquitäten (kein Trödel oder Ramsch). Sie hat allerdings die Nase gestrichen voll und möchte am liebsten einen Container bestellen. Am meisten ärgert sie es nicht gefragt zu werden, wenn ich wieder was entdeckt und gekauft habe, schließlich ist es auch ihre Wohnung die vollgestellt wird.
Erst durch mich ist sie auf die schönen alten Dinge aufmerksam geworden und kauft auch selbst ab und zu etwas. In ihrer Familie gab es nichts von Wert von früher. Ihre Großeltern waren Vertriebene und arme Leute. Ich dagegen hatte ein Großelternpaar mit tollen Antiquitäten und bin als Kind schon gern in Schlösser gegangen um mir die Sachen anzuschauen. Schon früh waren Schuttplätze und Sperrmüll mein Revier. Später dann mit eigenem Geld habe ich nach und nach alles im Haushalt durch immer bessere Antiquitäten oder wertige Handarbeit ersetzt. Mir sind solch cleane Wohnungen im Einheitsgrau ein Graus. Ich fühle mich da immer wie im Krankenhaus auf dem Sterbebett. Das Sammeln und Jagen liegt mir einfach im Blut, auch wenn es jetzt im Alter nachgelassen hat. Meist kommen nur noch wenige (für mich oft recht teure) Stücke dazu. Anderenseits kann man nichts mitnehmen wenn man stirbt, aber ich habe glücklich gelebt.
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- gudrund Offline
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Sammler versus Minimalisten
Ich finde die Verantwortung auch schwer und investiere auch in Erhaltung und noch bessere Rahmen, Restaurator z.B..
Ich möchte in/mit meinen Sachen "sterben". Nicht vorher die Bude leerräumen.
Wenn keine direkten Erben da sind, ist es wirklich schwierig, alles später in guten Händen zu wissen.
Albtraum: mein halbes Leben steht in irgendwelchen Pappkisten im Regen auf einem Flohmarkt.
Ich möchte in/mit meinen Sachen "sterben". Nicht vorher die Bude leerräumen.
Wenn keine direkten Erben da sind, ist es wirklich schwierig, alles später in guten Händen zu wissen.
Albtraum: mein halbes Leben steht in irgendwelchen Pappkisten im Regen auf einem Flohmarkt.
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- gudrund Offline
- sehr erfahrenes Mitglied
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Sammler versus Minimalisten
Ich wollte hier noch auf ein sehr interessantes Interview aufmerksam machen mit einer vereidigten Kunstexpertin für Kunst ab 1960, die ein Buch geschrieben hat.
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Es geht um das Sammeln, das Vererben und die moderne Kunst.
In den ersten 25 Minuten erzählt sie v.a. von ihrem Buch und ihrer Kindheit, Danach wird es aber richtig interessant.
Auch ein Statement für die hier so oft verlachten modernen Künstler...........und etwas über Leute, die denken, dass ihre "Meisterwerke" unendlich wertvoll sind....
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Es geht um das Sammeln, das Vererben und die moderne Kunst.
In den ersten 25 Minuten erzählt sie v.a. von ihrem Buch und ihrer Kindheit, Danach wird es aber richtig interessant.
Auch ein Statement für die hier so oft verlachten modernen Künstler...........und etwas über Leute, die denken, dass ihre "Meisterwerke" unendlich wertvoll sind....
- thalasseus Offline
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Sammler versus Minimalisten
Wunderbar, in vielen Aspekten, vielen Dank dafür!
Bezüglich des Sammelns sagte sie, - dass es nichts gebe, das schwieriger wäre, als loszulassen und sich die Welt ohne sich vorzustellen - um diese besondere Welt aus Erinnerungen und Querverbundungen zu beschreiben, die Sammler sich schaffen, toll!
Witzig auch, dass sie Anatole France erwähnt. Den zitiert auch Walter Benjamin in einem kurzen Text, den ich sehr mag: Ich packe meine Bibliothek aus aus dem Bändchen Denkbilder. Hier im Volltext:
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Geht um Bücher, aber gilt genauso eigentlich für alle Sammelgebiete. Und auch zum verhältnis Sammler/Sammlung und Vererben. Ich picke auch mal ein paar Stellen heraus:
"Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen."
"Es [das Dasein des Sammlers] ist natürlich noch an vieles andere gebunden. An ein sehr rätselhaftes Verhältnis zum Besitz, [...]. Sodann: an ein Verhältnis zu den Dingen, das in ihnen nicht den Funktionswert, also ihren Nutzen, ihre Brauchbarkeit in den Vordergrund rückt, sondern sie als den Schauplatz, das Theater ihres Schicksals studiert und liebt."
"Sammler sind Physiognomiker der Dingwelt"
"Denn die Haltung des Sammlers seinen Besitztümern gegenüber stammt aus dem Gefühl der Verpflichtung des Besitzenden gegen seinen Besitz. Sie ist also im höchsten Sinne die Haltung des Erben."
"Das Phänomen der Sammlung verliert, indem es sein Subjekt verliert, seinen Sinn."
"Im übrigen weiß ich, daß für den Typus, von dem ich hier spreche [...] die Nacht hereinbricht. Aber wie Hegel sagt: erst mit der Dunkelheit beginnt die Eule der Minerva ihren Flug. Erst im Aussterben wird der Sammler begriffen."
"Denn in seinem [des Sammlers] Innern haben ja Geister, mindestens Geisterchen, sich angesiedelt, die es bewirken, daß für den Sammler [...] der Besitz das allertiefste Verhältnis ist, das man zu Dingen überhaupt haben kann: nicht daß sie in ihm lebendig wären, er selber ist es, der in ihnen wohnt."
(... und dieses im Grunde romantisch-emphatische Sammelverständnis ist es, denke ich, was die Sasa Hanten aufs Korn nimmt. Beruflich aufs Korn nehmen muss, aber auch irgendwie würdigt, oder?)
Bezüglich des Sammelns sagte sie, - dass es nichts gebe, das schwieriger wäre, als loszulassen und sich die Welt ohne sich vorzustellen - um diese besondere Welt aus Erinnerungen und Querverbundungen zu beschreiben, die Sammler sich schaffen, toll!
Witzig auch, dass sie Anatole France erwähnt. Den zitiert auch Walter Benjamin in einem kurzen Text, den ich sehr mag: Ich packe meine Bibliothek aus aus dem Bändchen Denkbilder. Hier im Volltext:
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Geht um Bücher, aber gilt genauso eigentlich für alle Sammelgebiete. Und auch zum verhältnis Sammler/Sammlung und Vererben. Ich picke auch mal ein paar Stellen heraus:
"Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen."
"Es [das Dasein des Sammlers] ist natürlich noch an vieles andere gebunden. An ein sehr rätselhaftes Verhältnis zum Besitz, [...]. Sodann: an ein Verhältnis zu den Dingen, das in ihnen nicht den Funktionswert, also ihren Nutzen, ihre Brauchbarkeit in den Vordergrund rückt, sondern sie als den Schauplatz, das Theater ihres Schicksals studiert und liebt."
"Sammler sind Physiognomiker der Dingwelt"
"Denn die Haltung des Sammlers seinen Besitztümern gegenüber stammt aus dem Gefühl der Verpflichtung des Besitzenden gegen seinen Besitz. Sie ist also im höchsten Sinne die Haltung des Erben."
"Das Phänomen der Sammlung verliert, indem es sein Subjekt verliert, seinen Sinn."
"Im übrigen weiß ich, daß für den Typus, von dem ich hier spreche [...] die Nacht hereinbricht. Aber wie Hegel sagt: erst mit der Dunkelheit beginnt die Eule der Minerva ihren Flug. Erst im Aussterben wird der Sammler begriffen."
"Denn in seinem [des Sammlers] Innern haben ja Geister, mindestens Geisterchen, sich angesiedelt, die es bewirken, daß für den Sammler [...] der Besitz das allertiefste Verhältnis ist, das man zu Dingen überhaupt haben kann: nicht daß sie in ihm lebendig wären, er selber ist es, der in ihnen wohnt."
(... und dieses im Grunde romantisch-emphatische Sammelverständnis ist es, denke ich, was die Sasa Hanten aufs Korn nimmt. Beruflich aufs Korn nehmen muss, aber auch irgendwie würdigt, oder?)
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- gudrund Offline
- sehr erfahrenes Mitglied
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- Registriert:Donnerstag 17. Oktober 2024, 20:30
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Sammler versus Minimalisten
Ich habe es mir in Teilen gerade nochmal angehört, da es schon etwas her war.
Ich denke, da sie selber eine große Sammlerin ist, würdigt sie das schon sehr (außer das "Vergammelnlassen" von Kunstwerken natürlich...) .
Verblüffend fand ich auch dieses Mal, dass sie mir in vielem so ähnlich ist, aber auf der Grundlage eines unglaublichen Optimismus.
Demgegenüber bin ich ein furchtbarer Pessimist, immer mit meinem eigenen Ende vor Augen und der Verpflichtung, wenigstens für die schönsten Dinge eine angemessene neue Heimat nach meinem Tod zu finden.
Und Loslassen, das kann ich ja auch überhaupt nicht.........sogar den Fehlkäufen will ich noch irgendeinen Sinn geben............
Dass ich z.B. in meinen Bildern/Objekten wohne, kann ich nur bestätigen. Wenn Allerliebstes wegstirbt, können sie mir nicht wegsterben.....aber ich darf ihnen auch nicht so einfach wegsterben, denn ach, die Verantwortung............
Ich denke, da sie selber eine große Sammlerin ist, würdigt sie das schon sehr (außer das "Vergammelnlassen" von Kunstwerken natürlich...) .
Verblüffend fand ich auch dieses Mal, dass sie mir in vielem so ähnlich ist, aber auf der Grundlage eines unglaublichen Optimismus.
Demgegenüber bin ich ein furchtbarer Pessimist, immer mit meinem eigenen Ende vor Augen und der Verpflichtung, wenigstens für die schönsten Dinge eine angemessene neue Heimat nach meinem Tod zu finden.
Und Loslassen, das kann ich ja auch überhaupt nicht.........sogar den Fehlkäufen will ich noch irgendeinen Sinn geben............
Dass ich z.B. in meinen Bildern/Objekten wohne, kann ich nur bestätigen. Wenn Allerliebstes wegstirbt, können sie mir nicht wegsterben.....aber ich darf ihnen auch nicht so einfach wegsterben, denn ach, die Verantwortung............
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- cornetto Offline
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Sammler versus Minimalisten
vllt. der treffendste Satz(teil) von allen...
In fast jedem Teilchen bei uns, meiner Angetrauten und mir, steckt ein Stück unseres Lebens drin, eine Geschichte, eine teilweise jahrelange Suche, ein mitunter absurder Zufall, ein Ringen um den Erwerb, ein teilweise tagelanges Diskutieren, ein Abwägen, auch einmal ein Streiten, aber schlussendlich dabei immer, immer, immer eine große Liebe zum Objekt, zu dessen Geschichte, zu den Schaffenden, zur Kultur - und danach kommt ja noch das Forschen, das Nachfragen, das "Geheimnisse" aufklären oder sich vllt. mit dem Unbekannten und ggf. Wertlosem abfinden, sich aber trotzdem daran erfreuen können.
Da könnten wir inzwischen ein dickes Buch drüber schreiben.
Haben auch das Gegenteil erlebt (vor WW3) z.B. in einem großen Lübecker Antiquitäten-Kontor:
Ein offensichtlich betuchtes russischsprechendes Paar mit deutschsprechender Teenie-Tochter auf Shopping-Tour. Ein Verkäufer mit Block und Stift wieselte grinsend hinterher... Das englische Ledersofa, Den Biedermeier-Sekretär, Die Kerzenständer, Die drei Ölbilder, Die Wandteppiche, Den Schrank, Die zwei Plafonieren für den Flur... usw, usw...
Nur ein Beispiel, wenn viel Geld auf einen Streich viel "Kultur" kauft - vllt. für das neue Feriendomiziel in Hastenichgesehen - vllt. dann auch irgendwie schick im Ergebnis - aber seelenlos...
DAS ist für mich kein "Sammeln", sondern einfach nur Einkaufen.
"Sammeln" ist vllt. auch irgendwie pathologisch, wahrscheinlich auch ein bisschen krank, ein "Messie-Syndrom" ist ja inzwischen auch medizinisch anerkannt, aber von was kann oder möchte sich man denn mal trennen, wenn zuiel Bilder in Dreierreihen am Boden in jedem Raum stehen oder Porzellan und Bestecke sich in "Realy Usefull Boxes" stapeln?
Unsere Sammlung ist ein Tagebuch, eine Lebensgeschichte - schwer davon Teile abzugeben.
Ich arbeite immerhin daran zu dokumentieren - damit nicht, wenn wir morgen versehentlich gegen einen deutschen Baum fahren, ein Wohnungsauflöser kommt und "fünfhundert für die Bilder, den Rest entsorgen wir kostenlos" bietet...