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Bitte um Hilfe bei Bestimmung der Punzierung von Silberbesteck

Verfasst: Mittwoch 4. Februar 2026, 20:51
von bodo65
Hallo liebes Forum,

bin neu hier, habe mich aber in ein Besteck bei Ebay verguckt und es auch prompt gekauft. Kann mir jemand meine Einordnung bestätigen und eventuell auch abschließende Fragen klären?
Komplettes Set, 6 Messer, 6 Gabeln, links noch nicht poliert
Komplettes Set, 6 Messer, 6 Gabeln, links noch nicht poliert
komplettes set auf 6 messern und 6 gabeln.webp (118.4 KiB) 170 mal betrachtet
Das Set besteht aus 6 Messern und 6 Gabeln und ist als Obstbesteck ausgewiesen gewesen. Jeweils drei davon habe ich bereits poliert. Länge der Messer ca. 19cm.

Auf den Messern und Gabeln befindet sich meiner Lesart nach folgende Punzierung:
Punzierung Messer
Punzierung Messer
punzierung messer.webp (179.65 KiB) 170 mal betrachtet
punzierung gabel.webp
punzierung gabel.webp (59.13 KiB) 170 mal betrachtet
Ich lese hier als Punzierung: "Krone, schreitender Löwe, durchgestrichenes S, im Wappen: S.D und darunter L mit hochgestelltem D"

Wenn ich die Angaben auf dieser Webseite ([Gäste sehen keine Links]) richtig deute, heißt die Kombination aus "Krone, schreitender Löwe" Sterling Silber 925, Sheffield, korrekt?

Wenn ich die Jahrespunze für Sheffield auf dieser Webseite ([Gäste sehen keine Links]) richtig deute, heißt das durchgestrichene S: 1910, korrekt?

Wenn ich die Punze des Herstellers auf dieser Webseite ([Gäste sehen keine Links]) richtig deute, dann wurde das Set von "Stewart Dawson & Co Ltd" hergestellt, korrekt?

Allerdings stellen sich mir dann einige Fragen:

1. Auf der genannten Webseite wird festgestellt, dass "Stewart Dawson & Co Ltd" ab ca 1907 in London tätig war, auf einer anderen Webseite ([Gäste sehen keine Links]) erfährt man, dass die Firma 1871 in Liverpool entstand,, Stewart Dawson aber schon 1886 nach Australien auswanderte, und erst 1920 eine Filliale in London eröffnete. Nirgendwo finde ich einen Hinweis darauf, dass Stewart Dawson in Sheffield tätig war, die Kombination "Krone, schreitender Löwe" ist doch aber typisch für Sheffield, oder? Kann jemand das klären?

2. Ich habe wenig Erfahrung mit Silberbesteck, daher folgende vermutliche Anfängerfrage: Das Silberbesteck meiner Eltern hat silberne Griffe, aber die Messerschneiden bei meinen Eltern sind ziemlich sicher aus anderem, härterem Metall. Kann es überhaupt sein, dass die Messerschneiden meines Sets aus Silber 925 sind? Oder sind diese versilbert? Magnetisch sind sie nicht.

3. Wenn echt silber: Pflanzt sich der Silber-Korpus unter dem Perlmutt fort (auch der Griff aus Perlmutt ist nicht magnetisch)? Kann jemand abschätzen wie weit das Metall unter dem Perlmutt weiterläuft?

4. Das polierte Silber sieht vernünftig aus, aber in der Nahaufnahme erkennt man, dass ich relativ raue Polierpaste verwendet habe, um die groben Verschmutzungen/Oxidationen zu entfernen. Welche Körnung kann/soll man denn für die Endpolitur verwenden?

5. Und als allerletzte Frage, weil ich ein unkultivierter Mensch bin: Was zum Teufel ist ein "Obst"-Besteck? Besonders scharf sind die Messer nicht (mehr) und ich wüsste auch nicht, wie einem die Zackung auf der Messerrückseite beim Obstessen helfen sollte.

Vielen Dank vorab!

Bitte um Hilfe bei Bestimmung der Punzierung von Silberbesteck

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2026, 11:34
von AnnetteK
Hallo Bodo,
über die Punzen wird dir bestimmt bald jemand was schreiben.
Ich sende dir nur schon mal die Anleitung wie du das Obstbesteck verwenden kannst.

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Bitte um Hilfe bei Bestimmung der Punzierung von Silberbesteck

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2026, 14:04
von nux
Hallo,

massig Fragen, zwar sortiert 😉 - aber...

paar Anmerkungen vllt.

zu 1. die Zuordnung zu dem Namen / Ort / Zeit ist - soweit es bekannte Veröffentlichungen hergeben - richtig. Und ja, die Klingen aus Sterling-Silber.
Die Wahl des australischen Links zur Firmengeschichte ist allerdings nicht sonderlich, da gibt es übersichtlichere. Und viel mehr und ausführlichere... Die Ableitung, dass die erst wieder ab 1920 in London waren, ist auch nicht richtig - es gab durchgehend Adressen von Newgate Street angefangen über Hatton Garden (headquarters) bis eben hin zur Regent Street zusätzlich oder umgezogen [Gäste sehen keine Links]
und das Firmengebäude (Bild 3) 1907 beauftragt, 1908 fertiggestellt [Gäste sehen keine Links]

Hinsichtlich der ganzen registrierten MZ - da gibt es auch mehr und weitere und nicht nur in Sheffield, sondern auch in London selbst und bei anderen Assay Offices registriert. Warum so viele Orte einer möglichen Beschau - entzieht sich meiner Kenntnis. Ob Firmenpolitik, Menge, verschiedene Zulieferer an unterschiedlichen Orten - das wäre eher eine Fragestellung im 925-1000 Forum, ob da wer mehr speziell zu diesem Unternehmen weiß. Man kann sehen
London [Gäste sehen keine Links]
Sheffield [Gäste sehen keine Links]
Chester [Gäste sehen keine Links]
Glasgow [Gäste sehen keine Links]

Meistermarken davor, also die zu Zeiten der Uhrengehäuse-Fertigung in Liverpool finden sich mit DSD z.B. 1881 in Birmingham [Gäste sehen keine Links] -
gleiches MZ in London registriert [Gäste sehen keine Links] - sowie eine Uhren-Website als Spätfolge sozusagen [Gäste sehen keine Links]

Alles, was mit dieser hier vorliegenden Marke S.D LD im Schild an Silber da draußen rumläuft wird diesem Namen zugeschrieben. Basis ist das genannte Verzeichnis; gibt weitere, auch 'alte' Literatur.
Ob das Unternehmen alles selber hergestellt hat und wenn ja wo ist mir nicht klar; bei z.B. Importware aus Australien wären nach 1867 resp. erneuert 1904 schon entsprechende Kennzeichnungen drauf [Gäste sehen keine Links] - ob es da möglicherweise auch Irrtümer und einen weiteren Produzenten - ggf. gleichen Namens - gegeben haben könnte - ?? würde da an dieser Stelle, weil durchgängig etabliert, nicht tiefer schürfen ...

zu 3: warum möchtest Du das denn wissen? die paar Gramm zum Schmelzen mehr oder weniger wären kaum relevant. Und nein, ich weiß es nicht, ob die Angel auch aus Silber ist - aber es ist unwahrscheinlich aus anderem Metall, denn wie hätte da eine Verbindung laienhaft gesagt 'geschweißt' werden sollen? oder wie lang sie ist, was man in UK um 1900 und wie gefertigt hat - kann mehr oder weniger sein. Optische Beispiele zu eingekitteten Messerklingen da [Gäste sehen keine Links]

(Fortsetzung folgt)

Bitte um Hilfe bei Bestimmung der Punzierung von Silberbesteck

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2026, 15:27
von nux
zu 2 & 5

vor der Zeit der rostfreien Stähle waren die für z.B. Messerklingen verwendeten höchst empfindlich ggü. Korrosion. Wenn dann noch Säure von z.B. Obst oder auch Salatdressings (sofern man das schon hatte) daran kam, gab es zwei Effekte: der eine war Iiihgittigitt - das schmeckt metallisch, der andere: dunkle Flecken auf den Klingen. Säure-Metall-Reaktionen führen unter Wasserstoffabscheidung zu Bildungen von entsprechenden Salzen der jeweiligen Säuren wie Acetat (Essigsäure) oder Citrat (Zitronensäure) - auch das möchte keiner mitessen.

Edelmetalle wie Gold und Silber zeigen sich - wie der Name beinhaltet - von so'n bisschen sauer allerdings ungerührt. Daher wurden Bestecke eben auch bis hin zu vergoldet. Und echt silberne Klingen für Obstmesser eingesetzt. Auch davor schon gab es silberplattierte (Old Sheffield Plate) als auch ab Mitte des 19. Jh. galvanisch versilberte Klingen. Hier ist das 'echt'.

Nur: sehen kann man nicht so viel - ein Messer und eine Gabel mal im Ganzen und jeweils von allen Seiten wären eigentlich Basispflicht. So kann man bspw. nicht erkennen, ob die Sägezähnchen am Messerrücken eh schon nur klein sind - oder einfach abgenutzt. Oder was rückseitig auf den Klingen noch steht? Ein Bsp. was hier war mit versilberter Klinge, da sieht man die Zähne deutlich viewtopic.php?t=31300

Zum Gebrauch: bei Apfelsinen und anderen Zitrusfrüchten z.B. wurden/werden die Schalen nur mit der Spitze eingeritzt, dann untergeschoben und abgestreift... ob man Äpfel bspw. geschält oder nur zerteilt und das Gehäuse herausgekratzt hat ... auch Pfirsiche, Pflaumen, Renekloden, Erdbeeren, Feigen etc. sind (oder waren) eigentlich weich genug zum 'nur' Zerteilen in mundgerechte Stücke, Trauben kann man aufpieken... ist ja nicht wie heute das harte unreife länger-bis ewig-haltbar-Supermarktzeugs à la Gr.Smith Äpfeln. Und generell oder auch bei größeren Sachen wie Melonen würde ich bei Vorhandensein 'silberner' Bestecke auch an ein Milieu denken, wo von der Küche bereits auch entsprechend Früchte ggf. vorbereitet und dann erst serviert wurden. Nicht nur einfach ein Obstkorb herumgereicht. In Südfrankreich hab ich auch schon richtig große Obst-Zurichte Messer mit ca. 30 cm 950er Silberklingen und Horngriff gesehen, hälftig scharf, hälftig gezahnt.

Es gab übrigens auch häufig Klapp- oder Taschenmesser zu dem Zweck, Früchte sorglos zu genießen. Für unterwegs oder draußen auch, mit ja, silberner Klinge wie [Gäste sehen keine Links]
noch besser: Messer & Gabel als Reiseausgabe [Gäste sehen keine Links] - oder Klappmesser mit Kernchenpicker 😄 [Gäste sehen keine Links]

Von antiken Gemälden kann man auch eine Reihe von Besteck-historischen Erkenntnissen ziehen - Niederlande dort, mit anderer Griff-Form und zweizinkiger Gabel noch [Gäste sehen keine Links]
da ein großes Messer, was wohl die Zitrone zerlegt hat [Gäste sehen keine Links] - da hat der Maler so klitzekleine Fleckchen auf die Klinge gemacht: Punzen auf Silber?

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zu der Poliererei: ich nicht konkreter, da hat jeder so 'seins' - aber wäre putzen als Vorstufe (waschen, dann weiches Tuch) nicht erstmal ausreichend gewesen? damit man sehen kann, was evtl. einer Verbesserung bedarf und dann Mittel andenken bis hin ggf. besser einen Fachmenschen aufsuchen.... da gleich zu (irgendeiner) Paste zu greifen ... da Du ja schriebst 'ohne Erfahrung' - einer Werbung nach? Denn was da schon wie war oder jetzt nicht gut lief, kann man von den Fotos auch nicht wirklich sehen...

ach so ja: mehr Fotos? mehr Posts nehmen.

edit/update - doch noch ein paar englische Griffe gefunden, wo man in etwa sehen kann, wie weit oder kurz auch nur da die Angel reinging [Gäste sehen keine Links]

Bitte um Hilfe bei Bestimmung der Punzierung von Silberbesteck

Verfasst: Samstag 7. Februar 2026, 00:07
von bodo65
Zunächst ein paar weitere Bilder für das Auge:

Messer Perlmuttgriff
Messer Perlmuttgriff
messer perlmutgriff.webp (70.32 KiB) 78 mal betrachtet
Messer Zähne
Messer Zähne
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Messer Verzierung
Messer Verzierung
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Messer Registriernummer
Messer Registriernummer
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Bitte um Hilfe bei Bestimmung der Punzierung von Silberbesteck

Verfasst: Samstag 7. Februar 2026, 00:08
von bodo65
Weitere Bilder
Gabel Verzierung
Gabel Verzierung
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Gabel
Gabel
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Bitte um Hilfe bei Bestimmung der Punzierung von Silberbesteck

Verfasst: Samstag 7. Februar 2026, 00:11
von bodo65
AnnetteK hat geschrieben: Donnerstag 5. Februar 2026, 11:34 Hallo Bodo,
über die Punzen wird dir bestimmt bald jemand was schreiben.
Ich sende dir nur schon mal die Anleitung wie du das Obstbesteck verwenden kannst.
Oje, das sieht ja so aus, als stände ich erst am Anfang einer langen Sammlung :)

Bitte um Hilfe bei Bestimmung der Punzierung von Silberbesteck

Verfasst: Samstag 7. Februar 2026, 01:11
von bodo65
Vielen Dank für die sehr ausführliche und erhellende Antwort!

Zu den Angeln: Beim Kauf der Messer über Versand war ich mir unsicher, ob ich sie auch "in natura" so ansprechend finden werde. Mein Gedanke war tatsächlich: "Zur Not einschmelzen und Schmuck drauß gießen". Als sie dann ankamen habe ich mich wie gesagt in das Besteck verguckt und dem Gedanken schnell abgeschworen, zumal mir die ganze Familie nach einem Blick darauf das Einschmelzen strengstens verboten hat.

Mir ist aber aufgefallen, dass der Part mit den Perlmuttgriffen immer nach unten kippt, wenn man eines der Besteckteile am Übergang zwischen Griff und sichtbarem Silber unterstützt, auch bei den Messern, wo der Hebelarm ja ausgeglichen ist. Vor dem Hintergrund, dass Silber fast die fünffache Dichte wie Perlmutt hat, habe ich mich gefragt wie weit das Metall in den Perlmuttgriff reinragt. Aber das scheint ja jetzt geklärt, danke für die diesbezüglichen Fotos.

Mir war auch gar nicht bewusst, dass rostfreier Stahl erst 1913 "erfunden" wurde, auch hier danke für den historischen Exkurs. Dann macht es natürlich Sinn insbesondere Obstmesser mit Edelmetallklinge anzufertigen.Das Problem, dass Silber weicher ist als Eisen/Stahl bleibt natürlich und ich frage mich die ganze Zeit, ob es sich überhaupt lohnt die Messer behutsam nachzuschleifen (scharf sind sie nämlich nicht mehr wirklich). An die Zähne würde ich mich eh nicht ranwagen, aber Schärfen mit vorgegebenem Winkel kriege ich dank entsprechendem Werkzeug eigentlich ganz gut hin.

Die Taschenmesser sind wunderschön!

Inzwischen habe ich auch die anderen poliert, tatsächlich nur mit Wolle und Dremel. An der Kritik mit "keine Erfahrung, aber kräftig druff" ist natürlich was dran. Habe die anfangs mit Paste polierten Bestecke auch nochmals nur mit Wolle nachpoliert. Das hat ganz gut funktioniert und einige Schleifspuren auch wieder beseitigt, aber da muss ich sicher auch nochmal ran. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich auch schon beim Ausputzen der Punzen mittels Nagelbürste Werkzeugspuren auf dem Silber hinterlasse.

Danke auch für die Ausführungen zu David Stewart. Ich finde es immer interessanter, wenn man auch etwas über die Entstehungsgeschichte oder den Hersteller weiß. Die vielen Markenzeichen haben mich tatsächlich etwas verwirrt, aber ich denke, ich werde da tatsächlich nicht noch weiter schürfen.

Ich habe noch ein paar weitere Detailfotos gemacht und hochgeladen, will hier aber auch nicht mit tausenden Fotos spammen. Die Gabeln sehen links und rechts gleich aus, die Rückseite der Messerschneide, Verzahnung und jeweilige Verzierung habe ich ergänzt. Wenn noch weitere Ansichten gewünscht sind, bitte einfach melden.



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